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Musikgeschichte - Gymnasium

Mittelalter (ca. 550-1450 n.Chr.) - Weltliche Musik: Spielleute und Minnesang

Übersicht

Spielleute

Die Repräsentanten der Instrumentalmusik des Mittelalters waren die Spielleute. Sie verwendeten ein farbenreiches Instrumentarium: Schlagwerk aller Art, Blasinstrumente wie Flöten, Schalmeien und Dudelsäcke, aber auch Drehleiern und Lauten.

Dem fahrenden Volk und damit niederen Stand zugehörig, musizierten sie auf Märkten und in Wirtshäusern, suchten aber auch an Höfen Beschäftigung. Erst im Hochmittelalter fanden manche bei Adligen oder in Städten Daueranstellungen. Spielleute im eigentlichen Sinn waren ursprünglich Tanzmusikanten, die ihre Tänze auswendig spielten und mündlich weitergaben. Entsprechend selten sind Aufzeichnungen ihrer Tänze und Lieder.

Erst später kamen erste vereinzelte Quellen von höfischem Tanz auf: Es wurde unterschieden zwischen Schreit- (langsam) und Sprungtänzen (schnell). Wegen der mündlichen Tradierung liegen schriftliche Tanzquellen erst ab dem 15. Jahrhundert vor. Dennoch ist ikonographisch (also durch Bildquellen) gesichert, dass vorher eine höfische Tanzpraxis vorhanden war.

Instrumente des Mittelalters:

Musikbeispiel: "La Quarte Estampie du roi"

Das folgende Beispiel einer "Estampie" (Tanzlied) stammt aus dem "Manuscrit du roi", einer Handschrift um 1300 (F-Pn mss. fr. 844, vgl. online: https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b84192440, aufgerufen am: 21.5.21).

Minnesang

Im Hochmittelalter trat neben die Musik in den Kirchen eine weltliche Liedkunst, die an den Adelshöfen gepflegt wurde. Die Wurzeln legten die "Troubadoure" (Dichter, Komponisten und Sänger höfischer Lieder) in Südfrankreich. Ihre Kunst verbreitete sich seit dem 12. Jahrhundert in anderen Regionen Europas. Auch für die Ritter der deutschsprachigen Regionen gehörte es zu den unverzichtbaren Tugenden, Lieder zu erfinden und vorzutragen.

Ein wichtiges Thema ihrer Texte lässt sich aus ihrem Namen Minnesänger erschliessen: die Frauenverehrung. Dabei blieb in der "hohen Minne", anders als bei der "niederen Minne", das Objekt der Anbetung fern und unerreichbar. Aber die Liebe ist nicht das einzige Thema der Minnelieder. Mit der Zeit wurde die Palette der Themen immer vielfältiger. Da gab es Tages- und Jahreszeitenlieder, Tanzlieder, politische Lieder oder Lebenslieder. Allerdings können meist zwar die Texte, aber nur ganz wenige Melodien sicher einem Autor zugeordnet werden.

Als Beispiel ein typisches Minnelied von Tannhäuser:

Ich lobe ein wib

Ich lobe ein wib dú ist noch besser danne gůt·
sist schone vnd ist schoner vil vnd hohgemv̊t·
si hat vor allen valschen dingen sich behv̊t·
Ich gehorte nie wib so wol geloben als man si tůt·
Ýsalde wart so schoͤne nie·
noch trone dú ein gúttin was·
Medea swas dú noch ie begie·
des half ir mit wisheit fro pallas·
Juno gab richeit dur die minne hoͤre ich iehen·
swas dv́do hatte dc wart geteilet vberal·
(...)

Als einer der zentralen Formgestalten des Minnelieds etablierte sich die Barform, in der auf zwei melodisch gleiche, aber textlich unterschiedliche Teile (sogennante "Stollen") ein meist zirka doppelt so langer "Abgesang" folgt: AAB. Beim Reprisenbar wird am Ende des Abgesangs der Stollen aufgegriffen (AABA).

In folgendem Lied von Walther von der Vogelweide wird die Barform pro Strophe deutlich:

Palästinalied

(A) Nu alrest lebe ich mir werde,
sit min sündic ouge siht
(A) daz reine land und ouch die erde,
den man so viI eren giht.
(B) mirst geschehen des ich ie bat,
ich bin komen an die statt,
da got mennischlichen trat.
(...)

Musikbeispiel: Oswald von Wolkenstein: "Es fuegt sich"

Oswald von Wolkenstein

Einer der am besten überlieferten und gleichzeitig einer der letzten Minnesänger ist Oswald von Wolkenstein. Insgesamt sind mehr als 600 Urkunden, Dutzende von Siegeln und Bildnissen erhalten, welche einen einzigartigen Einblick in das abenteuerreiche und wechselvolle Leben des Ritters Oswald von Wolkenstein gewähren. Diese Hinterlassenschaft erlaubt es den Biographen, teilweise bis ins kleinste Detail nachzuzeichnen, wie Wolkenstein vom unbedeutenden Zweitgeborenen eines Tiroler Freiherrn bis zum hochdekorierten Ritterhelden und zum Rat Kaiser Sigismunds, des höchsten abendländischen Souveräns seiner Zeit, aufgestiegen ist.

Die wichtigsten Abzeichen dieses gesellschaftlichen Erfolgs stellt das Porträt in der Innsbrucker Liederhandschrift in einer beeindruckenden künstlerischen Qualität zur Schau: Um den Hals trägt der Dargestellte den aragonesischen Kannenorden der höchsten Stufe in goldener Kette mit anhängendem Greif und weisser Schärpe. Diesen Orden hatte sich Oswald von Wolkenstein im Jahr 1415 dank seiner Beteiligung an der Wiedereroberung der nordafrikanischen Küstenstadt Ceuta für die christlichen Königreiche der Iberischen Halbinsel erworben. Daneben prangt der Drachenorden, ebenfalls höchster Stufe, den Kaiser Sigismund seinem Rat 1431 als Anerkennung für lange Jahre ritterlicher Dienste, vermutlich auch zur Ehrung seiner Sangeskunst, verliehen hatte.

Die Lieder Oswalds lassen sich in Minne-/Liebeslieder, Lebenslieder und eine kleine Gruppe mit unterschiedlichen Themen einordnen.

Porträt von Oswald von Wolkenstein

Porträt von Oswald von Wolkenstein, aus: Innsbruck, Universitäts- und Landesbibliothek Tirol (ULBT), Cod. s.n. (Wolkenstein-Hs.), sog. Handschrift B, fol. 1v, online: http://manuscripta.at/diglit/AT4000-sn/0005, aufgerufen am: 21.5.2021.

Beispiel: Lebenslied "Es fuegt sich"

Text der ersten Strophe (weitere Strophen auf http://www.wolkenstein-gesellschaft.com/leben.php):

I
Es fuegt sich, do ich was von zehen jaren alt,
ich wolt besehen, wie die werlt wer gestalt.
mit ellend, armüt mangen winkel, haiss und kalt,
hab ich gebawt bei cristen, Kriechen, haiden.
[5] Drei pfenning in dem peutel und ain stücklin brot,
das was von haim mein zerung, do ich loff in not.
von fremden freunden so hab ich manchen tropfen rot
gelassen seider, das ich wand verschaiden.
Ich loff ze füss mit swerer büss, bis das mir starb
[10] mein vatter, zwar wol vierzen jar nie ross erwarb,
wann aines roupt, stal ich halbs zu mal mit valber varb,
und des geleich schied ich da von mit laide.
Zwar renner, koch so was ich doch und marstaller,
auch an dem rüder zoch ich zu mir, das was swer,
[15] in Kandia und anderswo, ouch widerhar,
vil mancher kittel was mein bestes klaide.


Übersetzung:

Als ich zehn Jahre alt war, fügte es sich,
(dass) ich sehen wollte, wie die Welt beschaffen wär.
In Fremde und Elend, in mancherlei Winkeln, heiss und kalt
habe ich gelebt bei Christen, Orthodoxen, Heiden.
[5] Drei Pfennig in dem Beutel und ein Stücklein Brot,
das war meine Wegzehrung von daheim, als ich loszog in (Kampf und) Not.
Durch falsche Freunde hab ich viele Tropfen Bluts
seitdem vergossen, dass ich (schon) glaubte, ich müsste sterben.
Ich lief zu Fuss in schwerer Busse, bis mir der Vater
[10] starb, wahrlich, rund vierzehn Jahre lang hatte ich kein Ross errungen,
ausser einem, das ich geraubt, gestohlen, ein Maultier, dazu von falber Farbe,
und ebenso nahm ich Abschied davon - mit Schmerzen.
Wahrlich: Laufbursche, Koch, das war ich noch und Pferdeknecht,
auch Ruder zog ich, das tat weh,
[15] bei Kreta und anderswo, auch wieder zurück.
Vielerlei Kittel waren meine besten Kleider.

Dieses Lied zählt zu den faszinierendsten Beispielen der neuartig autobiographischen Lyrik, wie Oswald von Wolkenstein sie geschaffen hat. In sieben langen und höchst kunstvoll gebauten Strophen schildert er darin seine Ritterschaftsreisen, sowie andere prägende Momente seines Lebens. Die im Rahmen seiner Lebensgeschichte angeordneten Strophen beinhalten eine inszenierte Selbstdarstellung voller überraschenden Perspektivenwechsel und verblüffende Rollenspielen. Ironische Untertöne oder massive Übertreibungen lassen die emotionale Wirkungskraft des Liedes besonders stark erscheinen, wie etwa Momente der Selbstverspottung und geistliche Posen der Bussfahrt, christlicher Pilgerschaft oder mönchischer Andacht. So werden die traditionell wirkenden Auftritte als ritterlicher Kämpfer oder höfischer Minnediener ständig karikiert. Mit der Bilanz seiner vierzig Lebensjahre voller kaum entwirrbarer Widersprüche in der siebten Strophe, lässt Oswald das Lied enden.

Es fuegt sich, Handschrift A, 9r Es fuegt sich, Handschrift A, 9v

Oswald von Wolkenstein: "Es fuegt sich", Handschrift A (Wien, Österreichische Nationalbibliothek (ÖNB), Cod. 2777, f.9r/v [p.21/22]), online: http://digital.onb.ac.at/RepViewer/viewer.faces?doc=DTL_6671236&order=1&view=SINGLE , aufgerufen am: 21.5.2021.

Aufgabe 6: Aufgaben zur weltlichen Musik des Mittelalters

Hilfsmittel:

Aufgaben:

  1. Höre dir folgendes Hörbeispiel an und beantworte die folgenden Fragen.
    1. Mit welchem Instrument wird das Lied begleitet?

    2. Welche Form hat jeweils die Strophe des Liedes?

    3. Wovon erzählt der Sänger im Lied?
    4. Das Lied stammt von Oswald von Wolkenstein. Der Titel ist die allererste Zeile, welche gesungen wird (Fasenacht wird "Vasennacht" geschrieben). Findest du ein Bild aus der Originalhandschrift B [Innsbruck, Universitäts- und Landesbibliothek Tirol (ULBT), Cod. s.n. (Wolkenstein-Hs.)] im Internet?
    5. Tipp:

      Die Universität Graz verfügt online über ein "Handschriften-Interface", welches für diese Suche hervorragend geeignet ist.

      Auf welcher Seite (Folio) des Manuskrips B befindet sich das Lied?


    6. Was bedeuten die Zusätze "r" oder "v" bei den Folioangaben wahrscheinlich?

Quellen und weiterführende Literatur/Links